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...Ihr Ziel heißt Mosul

Dietmar Martin Apel, Heinz-Achim Zimmermann / ... Ihr Ziel heißt Mosul
Roman

600 Seiten, Ebook epub
Verlag: Bucheinband.de 2013

Titelbild auf dem Schutzumschlag: Originalkarte
Zahlreiche Fotos von Originalen am Ende des Buches

Leseprobe

 

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9,99 EUR

Produkt-ID: 978-3-938293-32-4  

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Taurusgebirge 1915.
Eine gemeinsame Militär-Mission der damaligen Bündnispartner Türkei und Deutschland im Nahen Osten durchquert das Taurusgebirge auf dem Wege nach Mosul, dem heutigen Irak.
Bruno Max Pretzsch aus Sachsen, der als Unteroffizier freiwillig seine Dienstzeit im Türkischen Reich bis über das Kriegsende 1918 hinaus leistete, ist hier die authentische Person. Der Roman schildert sehr plastisch die harten Kämpfe der Deutschtürkischen
Militärmission mit den einfachen, kurdischen Bergvölkern, das Wirken des noch jungen, aber schon ausgedehnten britischen Spionagenetzes von Marokko bis Bulgarien.
Ganz besonders wird auf das brutale Vorgehen einzelner türkischer und englischer Militärs und die unberechenbaren Begegnungen mit den ständig in Blutfehde lebenden Stämmen der Beduinen und Kurden im Türkischen Reich eingegangen.

 

 

Dietmar Martin Apel wurde 1956 im sächsischen Freiberg geboren. Seine Kinder- und Schulzeit verlebte er in dem Vorerzgebirgsdorf Braunsdorf bei Freiberg. Die dreijährige Lehrzeit (Rinderzucht mit Abitur) absolvierte er im damaligen Karl-Marx-Stadt. Dem Militärdienst schloss sich die Tätigkeit in Betrieben des Außenhandels der ehemaligen DDR an, z.B. DEUTRANS und andere Hafenbetriebe. Aus der 1976 geschlossenen Ehe sind 2 Söhne hervorgegangen. Seit der Wende 1989 lebt Dietmar Martin Apel allein und ist freischaffend tätig. Das Bemühen, historische Originaldokumente für spätere in der Geschichte fußende Romane zu beschaffen, nahm Jahre in Anspruch.

Heinz Achim Zimmermann wurde 1946 in Dresden geboren und verbrachte seine Schul- und Lehrzeit ebenfalls in Dresden. Er absolvierte eine Lehre als Maschinenbauer.
Dem Wehrdienst schloss sich ein dreijähriges Studium an der Ingenieurschule Rudolf Diesel in Meißen an. An der TU Dresden schloss er das fünfjährige Studium erfolgreich ab mit dem Titel des Diplomingenieurs. Er war auf technischen und kaufmännischen Gebieten in verschiedenen Betrieben der damaligen DDR tätig. Aus seiner der Ehe ist ein Sohn hervorgegangen. Nach der Wende 1989 war er selbständig tätig. Er ist seit 2000 verwitwet und lebt heute in Dresden.
Das Bemühen, historische Originaldokumente und Gegenstände für spätere in der Geschichte fußende Romane aufzuspüren, führte beide Autoren vor Jahren zusammen. Alle hier abgebildeten Fotos befinden sich in Privatbesitz.

 

 

Kühne nickte und bat Selim, dem Mann zu sagen, dass er ein wenig Geduld haben möge. Dann ging er weg. Er ließ Selim mit dem Mann allein. Im fast schon vertrauten und nichtssagenden Geplauder wurde Emin von Captain Harper geschickt ausgehorcht. So kam es, dass hier auf diesem Stück türkischen Sand der englische Geheimdienst wieder einmal zuerst informiert war.

Über die erforderliche Weiterleitung der Informationen machte sich Selim keine Sorgen. Das würde sich ergeben. Sein weiteres Geplauder mit Emin wurde verlängert durch eine sachgemäße Zubereitung von ein paar Tassen Pfefferminztee nach Emins Anweisungen. Frische und getrocknete Minze war ja genügend da. Somit lernten zwei Armeeköche, wie man nach türkischer Art Pfefferminztee kochte.

Selim und Emin tranken den Tee in kleinen Schlucken. Beim Trinken selbst atmeten sie noch den wirklich kräftigen Minzegeruch ein. Natürlich hielten sie beim Trinken die Augen geschlossen. Sie waren eben erkennbar Orientalen, zumindest gab sich der eine von ihnen so. Die umstehenden Soldaten tranken den Tee in großen Schlucken und schüttelten dann beim Rest die Tassen, sodass der verbliebene Tee in der metallenen Viertellitertasse auch richtig kreisen konnte. Schluck! Weg war er.

Jetzt war Selim der Einzige, der seine Augen schloss. Germans und Tee – ein Problem! Emin staunte auch. Nachdem er sich wieder gefasst hatte, lobte er die Qualität des Tees und fragte, ob er hier in den Niederungen wachse. Selim zeigte ihm die Richtung, in der der Tee, also die Minze, zu finden sei. Emin bedankte sich sehr hoheitsvoll mit einer leichten Verbeugung. Nun hatte sich der Weg auf jeden Fall gelohnt. Vielleicht war das der neue Anfang für ihn. Denn was in seinem Dorf noch zu gebrauchen sein würde, wenn die türkische Abteilung wieder abgezogen war, stand außer Frage. Nämlich nichts!

Die Soldaten tranken in bester Laune noch einen Topf von dem starken Minztee und standen nach der ersten Hälfte schweißüberströmt da. Schweißnass, knallrot, standen sie da. An den Hälsen und Schläfen der Männer sah man die Adern pulsieren. Selim gab ihnen jetzt ein paar erklärende Worte bezüglich frischer, wilder Minze und ihrer Wirkung. Auch das sofort geplante Schwimmen gehen konnte er ihnen ausreden. Es war erstaunlich, wie aufmerksam sie ihm zuhörten und seine gut gemeinten Ratschläge befolgten.





Nun kam auch Unteroffizier Kühne wieder angestiefelt. Sein Gesicht war erwartungsvoll, aber auch von Zweifel beherrscht. Würden die Geldstücke, die er in seiner Hosentasche trug, auch ausreichen? Hoffentlich! Der Mann hatte über vierzig Zentner Lebensmittel gebracht, plus elf Lastesel! Das war unglaublich! Kühne war doch sofort zu Pretzsch und Schlüter gesaust. Von Werner lag darnieder und war leider nicht ansprechbar gewesen.

So mussten sie sich selbst helfen. Die beiden Zugführer ließen jeden Mann der Abteilung sämtliche Taschen und Brieftaschen umdrehen. Kupfer und Silber wurde separiert. Kühne hatte allen einen Reisbrei mit Rosinen, Honig und Zimt in Aussicht gestellt. Ausreichend für heute und morgen. Mehr ginge erst ´mal nicht. Und alle sollten sich merken, wie viel sie an Geld beigesteuert hatten! Er hatte vor, wie er sagte, sich das von von Werner aus der Kriegskasse wiedergeben zu lassen.

Nachdem sie alle „ausgeflöht“ waren, kam man auf neunundzwanzig Reichsmark und sechsundvierzig Pfennige. In silbernen Markstücken, Halbmarkstücken und Kupfergeld.

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Max blieb stehen, weil er keine Schritte mehr hörte. Er sah sich um.

Da standen seine bayrischen Bauernjungs und schauten zu ihm. Diesmal lächelte keiner. Was hatte denn der Feldwebel Pretzsch? Konnte es nun wieder weitergehen? Die Kolonne war ja nun schon ganz schön weit entfernt. Jetzt waren sie doch schon die Nachhut von der Deckungstruppe der Nachhut! Über dreihundert Meter vom Haufen, das war rein taktisch zu viel. Das wussten hier alle. Max war nun echt sauer mit sich selber. Mit einer Handbewegung deutete er an, dass man sich wieder in Marsch zu setzen hatte, und schneller sollte es weitergehen.


Das Sonnenlicht war so stark, dass es in den Augen schmerzte. Ganz weit weg schien die Kolonne zu sein – man hätte sie sowieso nicht gesehen, denn das Hitzeflimmern ließ alles ab wenige Hundert Meter verschwimmen. Alles verschwamm vor den Augen. Alles schien in Streifen geschnitten, und verschoben wieder zusammengesetzt zu sein. Der Fluss schien hoch am Himmel zu schweben. Es war zum Verrückt werden! Eine Fata Morgana war nichts dagegen. Max trieb sich selbst und seine Männer zur Eile an. Sie sahen ihre Truppe schon nicht mehr, nur noch dieses Geflimmere der Luft. Die auch noch heißer zu werden versprach.

Zu beiden Seiten waren die Felswände knappe vierzig Meter hoch. Daran hatte sich seit Tagen nichts geändert. Die Wände waren stark zerklüftet. An deren Füßen lagen mittlere bis große Stein- und Felsbrocken. Einzeln stehende Säulen aus rotem Sandstein wie hohe Obelisken waren vorhanden. Die Talsohle selbst war zum Glück wie ein Badestrand im Norden des Landes, safrangelber Sand und nochmals Sand, auch roter. Aber keinerlei Pflanzen.

Es hatte sich folgende Anordnung herausgebildet. Ganz rechts außen ging der Gustl. Links von ihm gingen der Toni, dann der Ferdl und dahinter der Wastl. Max ging halb links, ein wenig vor der Dreiergruppe. So war wenigstens eine feuerstarke Gruppe vorhanden, und Max konnte bei einem Angriff von hinten als „Verstärkung“ wirksam werden. Die Karabiner trug man am Riemen auf der Schulter, mit dem Handschutz nach oben, denn die Sonne ließ die Metallteile glühen. Das Gewehr in der Hand zu tragen, war einfach unmöglich, so heiß war die Waffe.

Den Bayern war die Trageweise mit dem Abzug nach oben sehr angenehm! Das war die Art, ihre Wilddiebsflinten im heimatlichen Wald und Gebirge zu schleppen. Insgesamt machten sie ganz den Eindruck, dass sie hier das taten, was sie auch zu Hause machten. Sie liefen durch das Gebirge, waren wie auf der Pirsch! Mehr machten sie jetzt auch nicht. Der Wastl sagte etwas und winkte ihnen lachend zu. Er hob die linke Hand und machte irgendwelche Faxen, worüber die anderen drei lachen mussten.

Das Donnern des Schusses aus der rechten Felswand hörten sie gar nicht. Erst als sie sich nach einem Geräusch umdrehten, sahen die Vier, dass der niedergestreckte Wastl versuchte, sich zu erheben. Und sie sahen auf seinem Rücken einen riesigen dunklen Blutfleck. Dann erst hörten sie den donnernden Hall des mehrfach dahin rollenden Echos eines Schusses. Die Bayern waren zeitgleich mit dem Echo hinter einen der am nächsten stehenden Felsbrocken gehechtet.

Max hatte hinter einem für ihn zu kleinen Stein Deckung gefunden. Der reichte aber nur halb für ihn. Ein größerer war bei der blitzartigen Deckungssuche nicht in erreichbarer Nähe gewesen. Entweder der Oberkörper oder die Beine ragten hervor. Beides war tödlich gefährlich. Da er auch noch mit dem Kopfe von den Bayern weg lag, rollte er sich, so gut es ging, zusammen und drehte sich in Richtung seiner Kameraden. Die spähten zu Wastl mit besorgter Miene und zur gegenüberliegenden Felswand. Sie wussten bereits, dass der Wastl nicht mehr am Leben war!

Der Ferdl murmelte ein Gebet für den in Gott verstorbenen Knecht Sebastian. Der Toni und der Ferdl suchten den Schützen in der Felswand. Die Rauchwolke vom Abfeuern des Schusses hatte sich in der an der Felswand aufsteigenden Wärme schnell verflüchtigt, aber die scharfäugigen Bayern wussten auch, wonach sie zu suchen hatten.

Der Ferdl hatte ihn zuerst entdeckt! Das heißt, nicht den Schützen selbst, sondern seinen Standort. Neben einem Stein waren kleinere Steine zu einer fast unsichtbaren kleinen Mauer aufgeschichtet. Dahinter hatte sich der Gebirgler versteckt. Und auf sie gewartet!

Jetzt hatte Toni das Kommando übernommen. Sie alle drei zielten auf die kleine Mauer. Irgendwas musste und würde geschehen! Jetzt sahen sie es alle deutlich. Ein schwarzer gerader Strich schob sich über die Steine. Das war der Lauf eines alten Schwarzpulvergewehres, eines alten Vorderladers, Kaliber an die fünfzehn Millimeter groß. Und die Leute konnten damit schießen! Auf teilweise unglaubliche Entfernungen trafen sie recht exakt mit diesen alten Waffen, alle Achtung! Einem Vergleich mit modernen Infanteriegewehren hielten sie jedoch nicht stand.

Der schwarze Strich schob sich noch weiter vor. „ … Drei“, flüsterte Toni halblaut.

Fast gleichzeitig krachten drei deutsche Militärgewehre vom Typ Mauser K98. Drei Treffer auf einen Punkt. So war es geplant. Die kleine Mauer flog einfach auseinander. Sie war da gewesen, sicher, aber nun nicht mehr. Der weiß gekleidete Gebirgler wurde mit ausgebreiteten Armen hochgehoben, fiel nach hinten an die Wand, machte zwei Schritte nach vorn, fiel über die Reste der Mauer und rollte den Abhang hinunter. Seine Flinte folgte ihm nach. Da lag sie nun. Auf dem Hang. Ihr toter Besitzer lag unweit davon schräg in den Steinen.

Nun aber wollten sie zu Wastl. Toni und Ferdl sausten zu ihm hin. Vor den beiden spritzte der Sand hoch. Dann ertönte wieder ein Donnerknallen. Da war doch noch ein zweiter Schütze! Beide rasten wieder zurück hinter den großen Stein, hinter dem Gustl bereits den Schützen ausfindig gemacht hatte. War doch der Lauf, die Flamme und die Abschusswolke gut zu sehen gewesen! Sofort gab Gustl die nötigen Informationen, aber der zweite Schütze hatte keine Mauer gebaut.

Die Trauer um den Wastl, die Wut, im Moment nichts ausrichten zu können und der Wunsch, die Sache hier in ihrem Sinne hinter sich zu bringen, hatte die beiden nicht übersehen lassen, dass eine große Bleikugel den Sandboden getroffen hatte. Das bedeutete, sie wäre noch viel weiter geflogen und hätte einen von ihnen treffen können! Das alles hatten sie gesehen, aber in der Hitze nicht realisiert.
Das war aber der Punkt, wo die Planung der Gebirgler begann aufzugehen. Und das mit tödlicher Konsequenz! Dazu kam noch eine weitere Unbekannte für die Deutschen, mit der sie nicht rechneten – die Gebirgler hatten noch andere Waffen, moderne Armeegewehre in Reserve, die sie einsetzen würden.
Hinter ihrem steinernen Schutz lagen nicht zwei Gebirgler, sondern ursprünglich drei. Faruk, der jetzt tot war. Hossam, das Schwert, als Zwe
ter. Und Khalid als Dritter. Hossam tobte innerlich vor Wut. Warum hatte sich Faruk nicht an die Absprache gehalten? Wie sollte er, Hossam als „Steinbock“ genau wie Khalid, der „Himmelsadler“, ihrem Anführer Nosad erklären, warum bei ihrer allerersten gemeinsamen Aktion gegen die Fremden im Gebirge einer von Nosads Männern gestorben war! Sie wollten doch nur kämpfen, weil sie kämpfen mussten. Das Sterben wollten sie dem Feind überlassen. Dahin ging ihre Planung und ihre Absprachen waren exakt gewesen und beschworen. Auch von Faruk!

Wie die Nachhutsicherung der fremden Kolonne aussah, war ja allzu gut bekannt. Die Späher hatten immer das Gleiche berichtet. Einer der Späher, Nail, war einmal beschossen worden. Das war eine klare Kampfansage gewesen. Die „Himmelsadler“ und die „Steinböcke“ hatten wieder einmal nicht mit dem Kampf angefangen.

Die Bereitschaft der „Steinböcke“ war gefördert worden, als Samir mit einem Sohn von Abbas wieder in sein Stammgebiet ziehen konnte. Der Ziegenbock hatte gleich unterwegs gezeigt, wessen Sohn er war. Samir und seine Männer hatten zahlreiche blaue Flecke, die in allen Ehren bewundert wurden. Samir hatte geglaubt, er wäre der König, wenn er mit dem Ziegenbock anrücken würde. Der ungekrönte König war aber der Bock selbst. Jetzt hatten auch die „Steinböcke“ einen Abbas! Und bei diesem Namen blieb es.

In Windeseile machten sich zwanzig Krieger von den „Steinböcken“ auf den Weg zu Nosad und seinen „Himmelsadlern“. Denn jemandem, der ihnen verdienstvoll entgegenkam, dem musste man helfen! Und im Gebirgskrieg kannten sie sich aus, die „Steinböcke“! Den Namen trugen sie nicht umsonst! Und nun war Faruk tot! Ein „Himmelsadler“. Hossam hätte weinen mögen, aber dazu war jetzt keine Zeit.

Geplant war, dass die Nachhut komplett vernichtet werden sollte. Immer wieder hatten sie das durchgesprochen. Das war keine große Sache, dafür war man Gebirgskrieger! Diese Fünfergruppe war in der nunmehr bekannten Aufteilung marschiert. Immer in derselbenAnordnung! Das war schon ihr erster Fehler. Darauf konnte man sich einrichten. Der Rest wäre dann bloß noch eine Frage des Standortes.

Die Deutschen wären ganz besonders entsetzt gewesen, wenn sie gehört und verstanden hätten, wie sachlich und vor allem fachlich richtig von ihrer Vernichtung gesprochen wurde. Den ersten Schuss hätte er, Hossam, abgeben müssen. Aus der alten Flinte. Und dann sofort nachladen. Er hatte noch ein Gewehr von Mannlicher dabei, aber leider nur mit vier Schuss Munition für diese Waffe. Khalid hatte auch einen Mannlicher, aber mit fünf Schuss Munition. Die Engländer hatten sie so knapp beliefert, oder gar nicht, oder mit unbrauchbarem Material. Aber dazu würde man später kommen müssen.

Heute sollten fünf fremde Soldaten ihr Leben verlieren und im Anschluss ihre Waffen und Ausrüstung. Also er, Hosssam, hätte den ganz Rechten erschossen. Mit dem Schwarzpulvergewehr, dem Tüfenk aslahan. Danach hätte er sich den Mannlicher geschnappt und auf einen der Fremden geschossen, der seinem Bruder zu Hilfe eilen wollte. Nummer Zwei.

Die Soldaten der Kolonne hätten eventuell versucht, zu Hilfe zu kommen. Aber Khalid, der unvergleichliche Scharfschütze hätte sie mit zwei, drei Schüssen in Deckung gezwungen. Wohin hätten denn die zu Hilfe Kommenden dann schießen sollen? Auf diese Entfernung. Hitzeblind, wie sie waren? Dann hätte es drei Fremde gegen zwei Gebirgler gestanden. Immer noch besser als fünf gegen zwei. Die drei noch verbliebenen Fremden müssten dann einen Stellungswechsel vornehmen. Hossam und Khalid würden dann wieder mit Sicherheit erfolgreich schießen.

Und dann erst sollte Faruk einen Schuss in Richtung der verbliebenen Fremden abgeben. Wenn er traf, war es gut, wenn nicht … Hauptsache, er konnte sie in Deckung zwingen. Dann würden Hossam und Khalid angreifen. Denn wenn man im Gefecht stand mit zwei Gegnern und der Dritte mischt sich ein, dann wäre es möglich, dass auch noch ein Vierter da war. Und wer würde denn so verwegen sein, sich zu dritt mit fünf modern ausgerüsteten Soldaten anzulegen?

Das war das Kalkül der Gebirgler. Das aber musste jetzt umgestellt werden. Hossam war ein kühler Kopf. Und er rechnete gut, auch wenn er nur bis sieben zählen konnte. Er rechnete auch mit der dem Abendland eigenen und sicher auch hier bei diesen Fremden vorhandenen Überheblichkeit. Und auch mit deren fachlichen Kenntnissen bezüglich der alten Schwarzpulvergewehre. Man würde diese Vorderladerflinten wohl doch nicht für voll nehmen. Das würde wieder ein Fehler sein! Und die zwei Mannlicher, von denen die Fremden noch keine Ahnung hatten, würden dann den Rest übernehmen!

Hossam gab ein paar Handzeichen hinüber zu Khalid. Der hatte kein Problem, die Gesten über fünfzig Meter richtig zu deuten. Auch ihm war klar, dass man die Strategie umstellen musste. So eine ähnliche Situation hatten sie auch schon gehabt und waren trotz aller Widrigkeiten daraus siegreich hervorgegangen. Hossam feuerte die andere alte Flinte in Richtung der Fremden ab. Keine drei Minuten lagen zwischen den Schüssen. Der Klumpen Blei schlug in den Sand vor den Fremden, die nun wieder hinter dem großen Stein in Deckung gingen. Die Deutschen waren heilfroh, dass sie keine Splitter erwischt hatten.

Nach Hossams Berechnung müssten die da drüben sofort einen Stellungswechsel vornehmen, um ihn mit ihren modernen Gewehren hinter dem Stein hervor zu treiben.

Genau das machten die Deutschen auch in dem Glauben, dass die lange Flinte wieder umständlich geladen werden musste. Ferdl war nach rechts und der Toni nach links gerannt. Sie wollten hinter den Stein, der Hossam Schutz gewährte, feuern.

Sogleich brach Toni tödlich getroffen zusammen. Die Mannlicherkugel hatte ihn in den Hals getroffen. Toni verblutete vor den Augen von Max, Ferdl und Gustl. Tonis Röcheln demoralisierte sie total. Da sie nun wussten, dass hier noch andere Waffen eine Rolle spielten, mussten sie besonders vorsichtig sein. Ferdl brach es das Herz, als sich Toni halb aufzurichten versuchte und eine Hand zu Ferdl und Gustl ausstreckte.

Ferdl hielt es nicht mehr aus. Er rannte zu Toni hin. Nach vier Schritten brach er mit einem Kopfschuss von Hossam zusammen. Da drehte Gustl durch. So wehrlos zu sein, zuschauen zu müssen, wie ein Kamerad nach dem anderen abgeschossen wurde, das war zu viel für ihn. Er richtete sich seitlich von dem großen Stein auf und legte in rasender Eile auf Hossam an, aber nicht schnell genug. Khalid hatte schon abgedrückt. Der Schuss ging genau in die Herzgegend von Gustl. Er starb noch im Stehen.

Bloß Max war noch da und am Leben. Er konnte sich drehen und wenden hinter seinem Stein, irgendwas von ihm schaute immer hervor. Und wenn er anlegen wollte … Lieber nicht!

Hossam und Khalid waren Gebirgskrieger, aber keine Mörder! Der letzte der Deutschen hatte nicht auf sie geschossen und gut gedeckt war er auch nicht. Man hätte ihn doch schon beim Gewehranlegen abschießen können. In dieser Lage war so ein Mann kein Gegner mehr! Und ein würdiger sowieso schon gar nicht. Jetzt ging es Hossam und Khalid nur noch darum, die Waffen und die Munition der toten Fremden sicherzustellen und mitzunehmen. Aber wie?

Auf einmal kamen aus Richtung der Kolonne schnelle Kugeln geflogen! Den Knall der Schüsse hörte man erst später. Max erkannte sofort, dass er in Deckung bleiben musste. Das war das Wirkungsschießen per Distance. Seine Kameraden schossen unaufhörlich, um im Rennen immer näher kommen zu können. Sie wollten den Gegner festhalten, verunsichern oder auch schon aus der Entfernung dezimieren. Hauptsache, der Feind konnte nicht das machen, was er sich vorgenommen hatte, egal was.

Hossam und Khalid hatten auch so etwas schon erlebt und wussten, dass man sich bei solchen Gelegenheiten besser seitwärts verkrümelte. Denn in der Schussrichtung zu verweilen war eindeutig lebensgefährlich. Wenn sie das Risiko, ums Leben zu kommen, ausschalten wollten, dann mussten sie sich jetzt davonmachen, denn jeden Augenblick konnten die fremden Soldaten hier eintreffen.

Also ließen sie Faruk und seine Flinte zurück, was sie als große Schande empfanden. Sie erbeuteten keine Waffen und keine Munition, hatten aber ihre wertvolle Mannlichermunition fast vollständig verschossen. Beide waren sich auf ihrem Weg aus der Gefahrenzone einig, dass Erfolge in ihrem Sinne anders auszusehen hatten. Aber Inschallah!

Max wurde von Schlüter und noch vier Mann aus seiner misslichen Lage befreit. Steinschlag war mit dabei, Müglitz war auch wie ein Tiger hierher geeilt und noch zwei andere junge Männer aus Schlüters Zug. Als sie die toten Kameraden bemerkten, konnten sie es gar nicht glauben, was hier mit welchem Ergebnis geschehen war.

Und als Max ihnen sagte, dass sie von drei Mann überfallen worden seien, wobei bei den Gebirglern wohl etwas nicht geklappt hätte, sonst wäre der eine nicht tot, dafür aber auch noch Max. Und sie wären sicher alle ausgeplündert worden, sahen ihn alle an und schüttelten mit dem Kopf. Schlüter erkannte, dass die Gebirgler einerseits eindeutig im Vorteil aus dem vorbereiteten Hinterhalt gewesen waren, aber andererseits hatte ein Teil der Bayern wohl sehr unüberlegt gehandelt! Max fühlte sich sehr unwohl und wie erschlagen, hatte er doch am ganzen Geschehen gar nichts beitragen können und war, dem lieben Gott sei gedankt, mit dem Leben davongekommen.

Hossam und Khalid beobachteten aus sicherer Entfernung und außer ihrer Schussweite das Vorgehen der Soldaten auf der Talsohle. Diese legten ihre Kameraden nebeneinander auf den Erdboden. Dann wurden sie mit großen Steinen umgeben, es wurden flache Steine als Dächer darüber gelegt. So ruhte ein jeder in einem Steinhaus. Dasselbe taten sie mit dem toten Gebirgler. Mit genauso viel Respekt und Sorgfalt, wie bei ihren Kameraden. Das beruhigte die zwei „Steinböcke“.

Dann aber bekamen sie mit, dass Faruk nicht mit dem Kopf in Richtung Mekka gebettet worden war. Darüber gerieten sie in maßlosen Zorn. Das war doch ein Rechtgläubiger! Aber etwas daran zu ändern, das ginge nicht. Nicht nach ihren Sitten. Das wäre Frevel an der Totenruhe gewesen! Faruk hatte sein Haus für die Ewigkeit bezogen. Das war unabänderlich. Aber er war im Kampfe als Dschihad gefallen. Dafür war er bereits im Paradies. Das war sicher!
Was die Zwei aber nochmals in heillosen Zorn versetzte, war, dass einer der Fremden Faruks Flinte an sich nahm. Mit lautem Lachen und mit imitierten Abfeuern der Waffe. „Peng! Peng!“ rief er immer wieder. Dafür würden sie ihn bestrafen! Noch hatten sie für ihre andere alte Flinte einen Schuss übrig. Der musste reichen!

Vorsichtig zogen sie sich weiter zurück und warteten.

40.

Der heutige „Rabatz“ hatte allen restlos gereicht. Nach dem Tod der Bayern war die Niedergeschlagenheit bei allen spürbar. Der fast schon obligatorische abendliche Kreis der Kameraden am Lagerfeuer war absolut nicht aus seiner Trauer herauszubringen. Von einer gepflegten „Bambule an der Futterkiste“ konnte somit heute keine Rede sein. Die vier Kameraden fehlten ganz einfach.

Der Pfefferminztee, der nun auch so langsam zu Ende ging, wurde in kleinen Schlucken geschlürft und die Kälte machte sich auch wieder mehr bemerkbar. Im Prinzip beherrschte nur ein Gedanke die Runde. Hier haben sich drei Gebirgler über fünf Mann von uns hergemacht. Was passiert, wenn die alle geschlossen auftreten? Das Ergebnis erschien bereits jetzt schon klar. Was, das waren keine ausgebildeten Soldaten? Seid froh, Männer, dass die keine Ausbildung haben! Wenn das der Fallwäre, was würdedenn dann passieren?

„Na, ich denke, dass die schon ausgebildet genug sind. Jedenfalls für uns. Und Strategie und Taktik haben die auch intus. Für uns reicht es! Wir sollten machen, dass wir hier schnell wieder wegkommen.“ So in etwa gingen die Meinungen und Gespräche im deutschen Lager hin und her.

Der heutige Vorgang war in jedem Zug ausgewertet worden. Man musste auch daraus seine Lehren für die Zukunft ziehen.

....

 

 

„Also Mutti, ich wollte es nur gleich sagen: Unsere halbe Seminargruppe hat sich heute freiwillig zum Heer gemeldet. Ich mich auch.“
Elisabeth fühlte sich, als hätte man ihr einen Schlag mit dem Holzhammer versetzt. „Waaas hast du?“ flüsterte sie völlig entgeistert.
„Ich habe mich zum Heer gemeldet. Ich werde Funker. Das hat man mir zugesagt. Und du weißt ja, ich habe Onkel Ali versprochen, mich nicht zur U-Boot-Waffe und nicht zur SS zu melden. Das habe ich eingehalten. Ob ich nun ein halbes Jahr früher oder später einrücke, das macht doch nichts. Und so bekomme ich eine Spezialausbildung als Funker! Also ich freue mich.“
Elisabeth saß in der Küche und war wie gelähmt. Dieser wahnsinnige, dumme Junge! Meldet sich freiwillig in den Krieg! Da sagt doch dieses große Kind, es mache nichts aus, wenn er ein halbes Jahr eher in den Krieg zöge. Elisabeth konnte es nicht fassen.
„Weißt du, Mutti, die Alliierten haben jetzt ein neues Verfahren entwickelt, wie sie unsere Luftabwehr massiv stören können. Aber auch wir halten Schritt! Das ist alles so interessant, und notwendig ist es auch. Und weißt du, was das Beste ist? Die Grundausbildung bekomme ich in Hamburg! Fünf von meinen Kommilitonen müssen runter nach Konstanz am Bodensee. Die waren vielleicht neidisch auf mich! Ich kann aber vielleicht jedes Wochenende nach Hause kommen. Oder ihr kommt mich in der Kaserne besuchen. Da könnt ihr mich auch mal sehen, wie ich draußen Wache stehe.“
Und so ging das fort. Heiter und unbekümmert. Elisabeth konnte noch immer nichts sagen. Wusste er denn gar nicht, worauf er sich eingelassen hatte? Las er denn die Zeitungen nicht? Jeden Tag die vielen Gefallenen-Anzeigen! War er geworben worden? Oder hatte er sich freiwillig gemeldet in einer Art Euphorie? Hatte er dem Herdentrieb gehorcht? Ganz egal. Es war geschehen! Hoffentlich geht alles gut! Völlig sinnlos fragte sie ihren Jungen. „Ja aber Fritz, wie ist das denn gekommen?“
„Da waren zwei Heeresoffiziere im Seminarraum, die haben ganz offen von allen Schwierigkeiten erzählt, die sie da draußen hatten. Verwundet waren sie auch schon gewesen. Aber sie haben auch gesagt, dass die besten militärischen Ergebnisse dann kommen, wenn die richtigen Leute am richtigen Platz wirksam sind. Wenn wir uns jetzt melden, dann können wir in Abhängigkeit von unserer Gesundheitsstufe weitgehend beeinflussen, wo wir ausgebildet werden. Wenn wir dagegen mit dem großen Schwung eingezogen werden, dann sind wir Massenware. Das ist doch einleuchtend, oder? Und als Fußlatscher zum Ural oder zum Atlantik zu traben, habe ich keine Lust. Die anderen Soldaten werden laufen, aber ich als Funker werde gefahren und kann mich ausruhen. Außerdem sind die Funker doch immer ein bisschen weiter hinten. Wie sollten sie denn sonst in Ruhe funken können? Und weil du einen faulen Sohn hast, will ich halt Funker werden.“...

 

 

Heute hatte Jadwiga ihren ersten Arbeitstag. Am Abend würde sie zum ersten Mal im Offizierscasino des Hotels ’Bristol‘ in Erscheinung treten. Ein langer, prüfender Blick in den Personalspiegel sagte ihr, dass alles an ihr stimmte und keiner Korrektur bedurfte - äußerlich. Sie fand sich recht vorzeigbar. Ein anderer hätte gesagt, sie sähe hinreißend aus. Eleganz, Liebreiz, natürliche Sinnlichkeit - eine Polin! Die anderen Kellnerinnen waren gar nicht böse, dass sie einen Neuling an die ’Front‘ schicken konnten. Alle gierigen Blicke und die in der Mehrzahl dreckigen Bemerkungen würden ein neues Ziel haben. Das aber würde die Neue schon rechtzeitig mitbekommen. Und auch rechtzeitig genug davon haben! Das war nur eine Frage der Zeit. Sie betrat ihre neue Wirkungsstätte mit dem natürlichsten Lächeln der Welt. Ihre Kolleginnen hatten ihr einen ’eigenen‘ Bedienbezirk mit mehreren Tischen zugewiesen.
Erstaunlicherweise erkannte sie sofort zwei Gesichter wieder, die ihr Berkut auf ein paar verwackelten Fotos gezeigt hatte. Man wollte wissen, wer sie waren und was sie hier in Warschau zu tun hatten. Schon die immer gleichen oder ähnlichen Gesprächs- und Tischrunden konnten auf irgendwelche Verbindungen schließen lassen. Alles das konnte Bedeutung haben, sollte sie herausfinden. Deswegen war sie hier. Irgendwelche ’Exoten‘ wie Luftwaffen- oder Marineoffiziere, Parteibonzen oder Heeresbeamte interessierten sie weniger. Natürlich waren neue, das heißt bis dahin nie gesehene Uniformen immer interessant. Zum Beispiel die der Statthalter der Gebiets- und Reichskommissare. Das war eine eigene Wissenschaft. Die Leute, die hier in Warschau so blutig wirksam waren - um die musste sie sich bevorzugt kümmern. Das hatte ihr Berkut dringend ans Herz gelegt.
Jetzt ging sie zu ihrem Bedienbezirk, um sich den dort sitzenden Uniformierten vorzustellen. Es würde nicht leicht sein, eine Übersicht über die Gäste und ihre dienstlichen Obliegenheiten zu bekommen. Und gerade heute war es wirklich ’bunt‘. Wie gemacht, um sie zu verwirren! Im gesamten Saal saßen locker verstreut und in Gruppen unter anderem Offiziere der Heeresforstverwaltung, Offiziere von einer Eisenbahntruppe und zwei schon angetrunkene Hauptleute vom Heer, die ihrer Dienststellung nach ’Gräberoffiziere‘ waren. Das war jedenfalls ihren Reden zu entnehmen, die sie schon am Vorabend mit zwei älteren Heeresgeistlichen geführt hatten - mit einem Protestanten und einem Katholiken. Die auch wieder unterschiedlich uniformiert waren und im Offiziersrang standen. Aber die gehörten nicht zu Jadwigas Bedienbereich. Nur hatten die Kolleginnen in Gegenwart Jadwigas darüber gesprochen. ...

 

 

Bereits nach ein paar Schritten in das Ghetto hinein wehte ihnen ein Geruch entgegen, wie ihn nur äußerste Verelendung, Not, Krankheiten und Tod zusammen hervorbringen. Sie betraten eine andere Welt, sie schlichen in diese andere tödliche Welt. Bereits nach ein paar Metern sahen sie die ersten kraftlosen Gestalten am Boden liegen - Skeletten ähnlicher als Menschen. Ja, der Oberführer hatte zu Recht angekündigt, dass es hier Proben ’frisch vom Fass‘ in ausreichender Form und Menge geben würde. Becker hielt sich betont aufrecht und gab sich unbeteiligt. Er sah sich um, wo das avisierte ’Empfangskommittee‘ war. Mühle wäre am liebsten gleich wieder umgekehrt. Das, was er bereits am Anfang zu sehen bekam, war für ihn so unfassbar, dass er es nicht in Worte hätte fassen können. Das war Dantes Hölle! Wer hier sein musste, der konnte wirklich alle Hoffnung fahren lassen! Mühle konnte kaum denken. Auch der Gedanke, wie man Hilfe leisten könnte, hatte bei ihm keinen Platz. Hingehen, Auftrag abarbeiten, verschwinden. Aber schnellstens!
Und Fischer? Auch er sah alles. Aber besonders die Kinder. Kinder, die eigentlich spielen sollten, die in die Schule gehen sollten. Die Kinder waren aber hierher gebracht worden, damit sie starben. Die Kinder, die er sah, waren am Verhungern. Selbst wenn man sie jetzt mit Essen vollstopfen könnte - sie würden sterben. So sehr waren sie des Essens entwöhnt. Fischer, der Lehrer, der immer Suchende, kam bei diesen Eindrücken der Frage, was das wirkliche Ziel der ’Forschungsgruppe C‘ war, einen gewaltigen Schritt weiter.
Was ihm noch auffiel: Die Ghettobewohner kümmerten sich nicht um die am Boden Liegenden. Einerseits war es der absoluten Kraftlosigkeit geschuldet, die mit der Apathie des langsamen Verhungerns einherging. Andererseits bemühten sich scheinbar viele, hier ein total normales Leben vorzugaukeln, und man hatte ja selbst Sorgen genug. Dabei sahen sie alle so aus, als würden auch sie bald auf der Straße liegen, um langsam dahinzusterben. Aber nicht in Würde im Kreis der Familie - mit Trost und Segen aller Anwesenden versehen. Nein, verenden, verrecken wie Vieh – in dem Wissen, dass am nächsten Tag ein Karren kommt, dessen Mannschaft den elenden Kadaver aufladen und abfahren wird. Denn wenn man im Haus stürbe, hätte niemand die Kraft, den Toten vor die Tür zu schaffen. Nur die Kleidung der Toten hatte einen echten Marktwert. Die wurde nach dem Ableben oder auch schon vorher ausgezogen und vorsichtig ausgeschüttelt oder abgeklopft. Aber sehr vorsichtig, damit sie nicht zerfielen. ...

 

 

Jetzt war es um Drei. Da! Weiße Holzknöpfe auf einer blauen Strickjacke! Aber was ist denn das für ein kantiges Weibsbild? Das Gesicht mit einem Tuch teilweise verdeckt. Was für knotige Hände - das waren keine Frauenhände, das waren die Hände eines Arbeitsmannes! Ein verkleideter Mann! Taktik oder bewusstes Nichteinhalten der Verabredung? Niemand war an den Stand mit den erschreckend hohen Preisen getreten. Das war wohl auch der Zweck dieser Preisschilder gewesen. Berkut ging an den Stand, setzte seinen Werkzeugkasten ab, behielt die linke Hand in der Tasche und nahm eine Kartoffel in die Hand. Die Hände der Frau waren unter dem Ladentisch verborgen.
Berkut sah ihr unter das Kopftuch: Berkut schaute in die in Rachedurst aufleuchtenden Augen Anteks! In genau diesem Moment hatte er schon abgedrückt. Sein Geschoss traf Antek zwischen Kehlkopf und Kinn.
Berkut ging unauffällig weiter. Niemand behinderte ihn. Viele Händler räumten gleichmütig ein. So etwas wie eben war zwar auf Warschauer Märkten nicht an der Tagesordnung, aber es kam vor. Die Deutschen hatten nichts dagegen, wenn sich die Polen gegenseitig umbrachten. Aber bewaffnete Polen mochten sie gar nicht.
Jetzt erst überfiel Berkut der Schreck. Er hatte Antek getötet! Das hieß, die AK war ihm auf der Spur! Aber Ogien hatte ihn doch hierher geschickt. Das hieß aber auch, Ogien und die AK wussten, wo er war. Ogien hatte ihn Antek vor die Mündung geschickt!
„…ich mich um Jadwiga kümmern.“ Das hatte Ogien gesagt. Aber über Jadwiga hatte er nie zu Ogien gesprochen. Das fiel ihm jetzt ein. Aber Ogien wusste demnach, wo Jadwiga war! Und er wollte sich um Jadwiga ’kümmern‘! So, wie er sich um ihn, Berkut, gekümmert hatte? Ogien war ein Verräter!
Er musste weg von diesem Markt! Er musste Jadwiga abholen oder sie warnen. Er musste sie retten! Er hatte sie ins ’Bristol‘ gebracht! Was sie dort alles erlebt, überlebt oder hingenommen hatte, darüber hatte sie nie gesprochen. Aber er hatte Anteil daran, dass man Jadwiga den Verbrechern dort im Haus zum Fraß vorgeworfen hatte! Und wenn es sein Leben kostete - er würde sie retten! Heute! Jetzt!...

 

 






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